Warum Medientraining?

03rd Jun 2018
MVW Medientraining Manuela Tischler

Weil man nicht Nicht-Kommunizieren kann. Und weil es so schwer ist, einfach zu antworten.

Fußballer tun es, der eine oder andere Star auch. Für die meisten Menschen, die regelmäßig im Rampenlicht stehen, ist Medientraining etwas Selbstverständliches. Am Auftritt feilen aber nicht nur die Profis: vor allem Neueinsteiger, die ihr gewohntes berufliches Umfeld verlassen, erleben schwierige Übergangsphasen. Neue Kollegen, neue Aufgaben und eine neue Sozialsemantik können zu kommunikativen Missverständnissen und Verunsicherung führen. Gerade in der Anfangsphase wird der "Neuling" auf seine rhetorischen Fähigkeiten und seine Ausstrahlung hin besonders unter die Lupe genommen. 
" Wer nicht in der Lage ist, klar zur argumentieren und selbstsicher (oder - wo es erwartet wird - bescheiden) aufzutreten, dessen Handeln wird in der Regel weniger Erfolg haben ..." schreibt Christian Gruber (Glaubwürdig kommunizieren")

Grundsätzlich sind öffentlichkeitsscheue Unternehmer, Politiker oder Berühmtheiten keine Seltenheit. Als ich 2006 als freie Redakteurin und Moderatorin für einen unternehmenseigenen TV-Kanal (Bahn-TV) arbeitete, zog sich eine Erkenntnis wie ein roter Faden durch das Tagesgeschäft: die meisten Interviewpartner wollten sich zu kritischen Themen (z.B. Verspätungen, Ausfall der Klimaanlagen, etc.) nur ungerne äußern. Noch nicht einmal im eigenen Corporate-TV wollten Konzernsprecher zu Projekten wie Stuttgart 21 Stellung nehmen. Anstatt die eigene Plattform proaktiv zu nutzen, wurde gemauert. Die Strategie kam wie ein Bumerang zurück. Mittlerweile ist die Deutsche Bahn kommunikationsfähig geworden. 
Auch bei Bundeswehr-TV (Produzent: Medienzentrale in St.Augustin/Bonn) stand die Redaktion vor der Herausforderung, interessante Themen für die Mitarbeiter mit den Vorgaben und Wünschen aus dem Ministerium zu vereinen. Befinden sich deutsche Soldaten in Afghanistan im „Krieg“? Das „Unwort“ war geradezu verboten. Jahrelang war von „humanitären Einsätzen“ die Rede. Nach einer Reihe von gefallenen Soldaten durften auch wir endlich die Auslandseinsätze kritisch hinterfragen. Zu spät. Die Soldaten hatten sich längst andere Sender oder Social Media Plattformen beziehungsweise Blogs gesucht.

Geblieben ist die Erkenntnis, dass viele Interviewpartner in meiner Laufbahn eines nicht konnten: in einfachen Worten erklären, was sie tun, ihr Unternehmen tut, wie sie Ziele erreichen wollen, wie sie Mitarbeiter und Kunden begeistern wollen und wie sie die Öffentlichkeit (welche auch immer) in ihre Entscheidungen einbinden wollen.

Immer noch schicken Unternehmen in Krisensituationen den Pressesprecher vor – der die groß angelegten Strategieziele des Chefs verkünden muss. XY Millionen Umsatz – klar das erreichen wir doch. Ein suuuuuper ökologisches Unternehmen. Wie dort hinkommen? Oft fehlen die Erklärungen. Ganz abgesehen davon sind viele Pressestellen weit vom „Mutterhaus“ entfernt. Was „die da“ in der Zentrale wollen, ist oft unklar. Kommunikationsstrategien made im Elfenbeinturm?
Dabei ist eines klar: was nicht klar ist, kann auch nicht erklärt werden. Was nicht erklärt wird, wird nicht verstanden. Und dann kommt der Aha-Effekt: „so haben wir das im Interview aber gar nicht gesagt und gemeint“! Achso, wie denn dann?
Man kann nicht Nicht-Kommunizieren, wusste schon der Kommunikationswissenschaftler, Psychoanalytiker und Philosoph Paul Watzlawik (siehe Kommunikationsaxiome von Paul Watzlawick, „Menschliche Kommunikation“). Nichts zu sagen, wirkt nicht nur unsicher sondern auch unsympathisch. Eine Aussage oder vielmehr eine Nicht-Aussage bleibt somit immer irgendwo hängen.

Fallstricke in den Medien sind nicht abstreitbar. Wenn eine Antwort zum Beispiel im TV nicht begeistert, verschwindet diese oft ganz automatisch zwischen all den anderen Sendungen. Anders auf den Plattformen der Social-Media wie YouTube: hier bleibt eine unglücklich formulierte Antwort noch jahrelang im Netz stehen und haftet am O-Ton-Geber oder der O-Ton-Geberin geradezu wie Griesbrei.
Beim nächsten Mal wird alles besser? Wahrscheinlich nicht. Nuscheln, zu schnelles Sprechen, das krampfhafte Festhalten am Papier, der fehlende Blickkontakt, inhaltlich unstrukturierte Botschaften bleiben ohne vernünftiges und gezieltes Training bestehen. Genauso ergeht es auch denjenigen, die im Kontakt mit den jeweiligen Medien übertreiben. Eine Selbstinszenierung ohne Inhalt, ein Schwall an Worthülsen oder das Niedermachen des Gesprächspartners mögen zwar für manchen unterhaltsam sein, der Inhalt bleibt dabei aber auf der Strecke.
Neben der Einfachheit ist auch die Länge der Ausführungen entscheidend. Ellenlange Antworten gespickt mit Fachtermini sind oft nur für Fachexperten zu bewerkstelligen, tragen aber wenig zum allgemeinen Verständnis bei. Aussagen können nicht nur zu lang, sondern auch zu kurz geraten. Wer Botschaften bis zur Unkenntlichkeit verkürzt muss sich nicht über Missverständnisse wundern.

Hier ist es durchaus sinnvoll, mit fachfremden Medientrainern zu üben. Denn sie können am besten einschätzen was die Öffentlichkeit versteht und was nicht. Ein Medientrainer sollte aus meiner Sicht somit immer ein externer Berater sein und dies auch bleiben. Denn er verfügt über die Freiheit und Unabhängigkeit, Kritik äußern zu dürfen.